Essay · 12. Mai 2026
Mit 43 nochmal Azubi. Wie ich das Handwerk mit KI lerne.
Ich bin Geschäftsführer und gleichzeitig Lehrling. Tagsüber Verantwortung, abends Lernstoff. Ein Werkzeug macht diesen Spagat möglich, das es vor zwei Jahren so noch nicht gab.
Mit dreiundvierzig fange ich noch einmal von vorne an. Nicht im Büro, sondern in der Halle, mit Schraubenschlüssel und Lehrbuch. Ich mache die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik. Durch meine Vorbildung kann ich auf zwei Jahre verkürzen. Ich bin im zweiten Lehrjahr. Latzanzug und Hemd in einer Person.
Die ehrliche Frage, die mir Kollegen stellen, lautet: Warum tust du dir das an? Du führst den Betrieb doch ohnehin. Die Antwort ist einfach. Wer eine Werkstatt in eine neue Zeit führen will, muss die Arbeit kennen, die dort jeden Tag passiert. Nicht aus der Statistik, sondern aus den Fingern. Ein Geschäftsführer, der nie selbst am Fahrzeug stand, trifft Entscheidungen über etwas, das er nur vom Hörensagen kennt.
Der geduldigste Lehrer, den ich je hatte.
Das Neue an dieser Ausbildung ist nicht der Stoff. Den lernen seit Jahrzehnten alle Lehrlinge. Das Neue ist, wie ich ihn lerne. Ich habe einen Lernpartner, der nie müde wird, der eine Frage zum fünften Mal genauso ruhig beantwortet wie beim ersten Mal, und der um halb elf abends noch da ist, wenn der Tag im Betrieb lang war.
Wenn ich nicht verstehe, wie ein Thermostat im Kühlkreislauf arbeitet, lasse ich es mir erklären. Dann lasse ich es mir anders erklären. Dann frage ich nach dem konkreten Fall, den ich morgen in der Halle sehen könnte. Kein Lehrer der Welt hat die Zeit, das für einen einzelnen Schüler so oft zu wiederholen. Eine künstliche Intelligenz wie Claude hat sie.
Es bleibt Arbeit.
Ich will keinen falschen Eindruck erwecken. Die KI nimmt mir das Lernen nicht ab. Sie nimmt mir die Wartezeit ab. Die Prüfung schreibe trotzdem ich. Die Sichtprüfung am Fahrzeug macht trotzdem meine Hand. Das Verständnis muss trotzdem in meinem Kopf entstehen, nicht in einem Rechenzentrum. Wer glaubt, er könne sich das Wissen herunterladen, hat weder das Werkzeug noch das Handwerk verstanden.
Die Disziplin ist dieselbe geblieben, die schon immer galt. Dranbleiben, wiederholen, prüfen, im echten Fall anwenden. Die KI verändert nur die Geschwindigkeit, mit der ich von der Frage zur Antwort komme. Und Geschwindigkeit beim Lernen ist für jemanden, der nebenbei einen Betrieb führt, kein Luxus, sondern die Bedingung, dass es überhaupt geht.
Wissen war nie so zugänglich.
Das ist der Teil, der mich über meine eigene Ausbildung hinaus beschäftigt. Früher war gutes Erklären knapp. Es hing an der Zeit eines Ausbilders, an der Qualität einer Berufsschule, am Glück, den richtigen Meister zu erwischen. Wer dieses Glück nicht hatte, blieb zurück, oft ein Leben lang.
Dieses Nadelöhr wird gerade weiter. Wer fragen kann, bekommt eine Erklärung. Das ist die Seite der KI, die mich hoffnungsvoll macht. Sie ist ein Gleichmacher. Sie gibt der kleinen, freien Werkstatt denselben geduldigen Zugang zu Wissen, den früher nur große Strukturen hatten.
Genau das meine ich, wenn ich sage, AI First ist Menschlichkeit First. Die Maschine erledigt das Wiederholen, das Nachschlagen, das geduldige Erklären. Was dadurch frei wird, ist Zeit. Zeit am Fahrzeug. Zeit für den Kunden am Tresen. Zeit, das Handwerk wirklich zu können, statt es nur zu verwalten.